Was bei Hochwasserfahrzeugen passiert, ist kein sofort sichtbarer Schaden. Es ist ein Prozess, und der braucht Zeit. Wasser steht im Fahrzeug, manchmal nur ein paar Stunden, manchmal Tage. Es zieht in Kabelkanäle, in Steckverbindungen, in Steuergeräte die unter Sitzen und hinter Verkleidungen sitzen wo nie jemand hinschaut. Wenn danach einer das Auto reinigt, trocknet, den Innenraum mit Ozon behandelt und die Sitze shampooniert, sieht man erstmal nichts. Lack stimmt, Innenraum riecht nach Aufbereitung statt nach Schlamm, Elektronik funktioniert, jedenfalls im ersten Monat. Was dann passiert ist eine Korrosion die sich langsam durch die Kontakte frisst. Kupfer oxidiert, Stecker verlieren ihren Halt, Lötstellen auf Platinen die einmal feucht waren fangen an zu brechen. Drei Monate nach Kauf geht die Klimaanlage aus, dann spinnt das Infotainment, dann leuchtet eine Warnleuchte die fünf Minuten später wieder verschwindet und zwei Tage später wiederkommt. Der Zeitraum zwischen Kauf und ersten Symptomen liegt meistens zwischen drei und neun Monaten, manchmal noch länger wenn die Feuchtigkeit nur oberflächlich war, und genau diese Verzögerung macht es so schwer den Zusammenhang herzustellen. Wer nach sechs Monaten Elektronikprobleme hat denkt an Verschleiß, nicht an ein Hochwasser das er nie miterlebt hat.
Südeuropa hatte in den letzten Jahren eine Serie schwerer Überschwemmungen, Valencia, Thessalien, die Emilia-Romagna, Teile von Slowenien. Nach jedem dieser Ereignisse tauchen Tausende von Fahrzeugen auf die von den Versicherungen als Totalschaden eingestuft werden, und ein Teil davon verschwindet nicht auf dem Schrottplatz sondern in der Handelskette Richtung Norden. Die werden aufgekauft, manchmal direkt vom Versicherungsnehmer der das Geld nimmt und das Auto trotzdem behält, manchmal über Händler die sich auf genau das spezialisiert haben. Gereinigt, getrocknet, Elektronik einmal durchgestartet, und dann geht das über einen oder zwei Zwischenhändler nach Deutschland, Österreich, manchmal in die Schweiz. Schäfer hat mir ein Foto von einem Parkplatz in der Nähe von Ljubljana gezeigt, das er von einem Kollegen hat, hundert, hundertzwanzig Autos aufgereiht, alle mit Wasserrändern an den Türen, alle zum Weiterverkauf bestimmt. Rund 40000 Fahrzeuge, schätzen Branchenexperten, werden nach einem größeren Hochwasserereignis in Südeuropa für den Weiterverkauf aufbereitet, die genaue Zahl kennt niemand weil die meisten nie als Hochwasserfahrzeuge registriert werden.

Schäfer sagt mir das begegne ihm in Augsburg vielleicht fünf oder sechs Mal im Jahr, und seit den spanischen Überschwemmungen im Herbst 2024 deutlich häufiger. Er hat sich angewöhnt bei jedem Fahrzeug aus dem südeuropäischen Raum bestimmte Stellen zu prüfen die ein normaler Händler nicht anrührt. Unter dem Reserverad, wo sich Wasser sammelt und nicht ablaufen kann, da findet er manchmal noch getrockneten Schlamm, Monate nach dem Ereignis. In den Hohlräumen der vorderen Schweller, wo Rückstände bleiben die sich mit dem Finger anfühlen wie feines Pulver, das ist eingetrockneter Schmutz aus dem Hochwasser. An den Steckern der Seitenairbags, die tief unten sitzen und bei stehendem Wasser als erste feucht werden. Und am Sicherungskasten, weil Wasser das durch die Windschutzscheibendichtung eindringt sich dort sammelt und Kriechströme hinterlässt die man mit einem Multimeter sofort messen kann. Ein Kollege von ihm, der in der Nähe von München arbeitet und den er seit der Ausbildung kennt, hatte letztes Jahr einen Fall bei dem das Airbag-Steuergerät während der Fahrt ausgefallen ist, einfach so, drei Monate nach dem Kauf. Der Grund war eine korrodierte Platine die niemand gesehen hatte weil niemand nachgeschaut hatte. Steckst du da den Stecker raus und guckst drauf, siehst du es sofort, sagt Schäfer, nur macht das eben keiner.
Die HU prüft, was sie prüfen kann, und ein getrocknetes Hochwasserfahrzeug besteht sie problemlos. Das KBA hat keine systematische Erfassung von Wasserschäden aus dem Ausland, und in den Herkunftsländern wird das unterschiedlich gehandhabt. Spanien hat seit den Überschwemmungen in Valencia 2024 ein Register eingeführt, das funktioniert für spanische Versicherungsfälle, deckt aber private Verkäufe nicht ab. Griechenland hat nichts Vergleichbares. Italien dokumentiert Totalschäden über die Versicherungen, und wer ein Auto bar aufkauft bevor die Versicherung es abschreibt, umgeht das. Wer sich gegen diese Autokauf Betrugsmasche absichern will und vor dem Kauf die Fahrzeughistorie online prüfen lässt, bekommt Einträge aus diesen Registern wenn sie existieren, Schadenserfassungen und Totalschadensmeldungen aus dem Herkunftsland. Das hilft bei den Fällen die registriert wurden. Bei denen die vorher privat aufgekauft und nie als Schadensfahrzeuge gemeldet wurden, hilft es nicht, und das ist die Mehrheit.
Was Schäfer empfiehlt, und was ich für sinnvoll halte, ist bei jedem Import aus einer Region die in den letzten zwei Jahren ein Hochwasserereignis hatte die Stecker unter den Sitzen zu ziehen und mit einer Lampe reinzugucken. Grünliche Ablagerungen an Kupferkontakten, weißer Belag auf Aluteilen, aufgequollene Schaumstoffpolsterungen unter den Sitzen, das sind die Indikatoren die auch nach einer professionellen Aufbereitung bleiben. Er sagt das dauert fünf Minuten und kostet nichts. Trotzdem machen es die wenigsten, weil sie nicht wissen dass sie danach suchen sollten, oder weil sie es wissen und nicht hinsehen wollen. Das Auto aus Spanien hat der Händler in Augsburg am Ende zurückgegeben, an den Importeur, der angeblich von nichts wusste. Schäfer hat das Gutachten geschrieben und gesagt, er sehe diesen Sommer mit Blick auf den spanischen Gebrauchtwagenmarkt noch einiges auf sich zukommen.
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